Warum wir den „Digitalen Unabhängigkeitstag“ brauchen

Der Chaos Computer Club hat im Dezember den „Digital Independence Day” ausgerufen – eine Initiative von Organisationen und Unternehmen mit einer einfachen Idee: Jeden ersten Sonntag im Monat ein Stück unabhängiger von Big-Tech zu werden. In kleinen Schritten. Kritiker stempeln den „Di.Day” als Symbolpolitik ab, die nichts bewirkt. AGEV-Redakteur Christoph Steinhauer hält im „Einwurf” dagegen: Genau solche kleinen Impulse sind notwendig, um das Gefühl der Resignation loszuwerden, man könne ja sowieso nichts ändern.

Seit Januar unterstützen Aktivisten in zahlreichen Städten am ersten Sonntag im Monat den Umstieg auf freie Alternativen – mit praktischer Hilfe vor Ort. Die spannende Frage dabei: Woran scheitert der Wechsel eigentlich so oft? Am Tool selbst? An der Bequemlichkeit? An fehlendem Wissen? Oder an der Angst, etwas kaputtzumachen? Der Di.Day zeigt uns: Ausreden wie „Ich bin ja nur bei WhatsApp, weil da alle meine Freunde sind” können wir hinter uns lassen, denn es gibt Alternativen.

„Wechsel-Rezepte“ – niedrigschwellig

Der pragmatische Ansatz der Initiatoren überzeugt mich: Ihre Ziele sind weder ideologisch überfrachtet noch unrealistisch hoch. Der CCC rät explizit von einem radikalen Komplettumstieg ab. Wer alle Dienste gleichzeitig wechseln will, gibt nämlich schnell frustriert wieder auf. Stattdessen empfiehlt er kleine Schritte: heute der Messenger, nächstes Mal der Browser, später dann die E-Mail. Und am besten sei es, alternative Dienste parallel zu testen, bevor man den gewohnten kündigt. Erweisen sich die Alternativen im Alltag als unpraktisch, ist niemandem geholfen. Unvollständigkeit ist für die Initiatoren also kein Problem – jede Abhängigkeit weniger zählt. Vermutlich deshalb haben die Medien den „digitalen Unabhängigkeitstag” überwiegend praktisch aufgegriffen: mit Auflistungen alternativer Tools und einfachen Umstiegsanleitungen.

Auf der Webseite di.day kann man sich über die nächsten Termine in seiner Stadt und eine Sammlung von „Wechsel-Rezepten“ informieren. Beispiele: Firefox statt Chrome, Libre Office statt Microsoft, Signal statt WhatsApp, Ecosia statt Google Suche, posteo.de statt Gmail, der Händler um die Ecke oder alternative Onlinehändler statt Amazon.

Vom Aktionstag zur EU-Politik

Wer über den Di.Day lacht, hat die Problematik nicht verstanden: Unser digitales Leben ist voll von „kostenlosen” Diensten, die wir am Ende teuer bezahlen – mit Daten, mit Abhängigkeit oder sogar mit politischer Erpressbarkeit. Das Aktionsbündnis argumentiert aus meiner Sicht richtig: Abhängigkeit entsteht nicht, weil Google am besten ist, sondern weil Wechseln zu schwierig, zu aufwendig ist oder sogar unmöglich zu werden droht. Unbemerkt zu Fesseln werden Lock-ins (d.h., alle Fotos in Google Photos, E-Mails bei Gmail, Dokumente in Drive, Termine in Google Calendar), Monopole (wo sonst Videos hochladen, wenn alle bei YouTube sind?) und soziale Netzwerkeffekte (alle Freunde auf WhatsApp).

Natürlich kann eine einzelne Person nur begrenzt zur digitalen Souveränität beitragen – mehr hängt an Politik und Wirtschaft. Hier ist das Land Schleswig-Holstein mutig vorgeprescht: 25.000 Verwaltungsarbeitsplätze sollen von Microsoft auf Open Source umgestellt werden. Für Digitalisierungsminister Dirk Schrödter ist das „eine Frage von nationaler Sicherheit”. Der radikale Schritt ruft sowohl Kritik aufgrund der potenziellen Gefahren als auch Applaus und Bewunderung hervor. Ob das Projekt am Ende ein Erfolg wird, muss sich zeigen – immerhin kommt Bewegung in die Sache. Die zunehmende Unberechenbarkeit der USA beschäftigt auch Brüssel: Das EU-Parlament fordert einen Kurswechsel Richtung technologische Souveränität – weniger US-Infrastruktur, mehr europäische Cloud- und KI-Kapazitäten, mehr Open Source und einen „Cloud and AI Development Act”.

Der Di.Day im Kleinen sollte uns zeigen: Digitale Souveränität beginnt nicht in Brüssel – sondern bei uns zuhause. Und jetzt sogar an jedem ersten Sonntag im Monat mit Hilfe von anderen.

In der AGEV ist die „Digitale Souveränität“ das Schwerpunktthema 2026. Bringen Sie sich gern ein, indem Sie uns Ihre Praxisbeispiele, Ideen oder Produkte nennen. Schreiben Sie uns an agev@dialog.de

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