Editorial AGEV im Dialog April 2026

1998, die Älteren werden sich erinnern, schlugen die Grünen vor, den Benzinpreis über eine Laufzeit von zehn Jahren langsam auf 5 DM zu erhöhen, um Anreize für sparsamere Autos zu bieten. Die Einnahmen aus dieser „Ökosteuer“ sollten die Lohnnebenkosten senken. Ich kommentierte damals für die AGEV: „Die Idee ist so zukunftsweisend und strategisch, dass sie keine Chance haben wird, realisiert zu werden.“ So kam es auch. Medienkanzler Schröder knickte vor der dunklen Macht der Boulevardmedien ein und titulierte die Idee mit „Quatsch“.
Da hatte VW-Boss und 12-Zylinder-Freak Ferdinand Piech allerdings schon den „3-Liter-Lupo“ serienreif auf die Straße gebracht. Man sieht, zu was die deutschen Ingenieure in der Lage sind, wenn nur die Rahmenbedingungen richtig gewählt sind!
Man stelle sich vor, Schröder hätte standgehalten. Dann wäre der Spritpreis zwar ähnlich hoch, wie er jetzt ist, aber die Einnahmen wären in Deutschland geblieben und könnten die sieche Rentenversicherung stabilisieren. Verbräuche und CO2-Ausstoß hätten sich drastisch reduziert, und das Elektroauto beherrschte die Märkte – aber made in Germany und nicht in China. Deutschland wäre noch reicher, als es heute immer noch ist.
Ein aktueller Beleg für das Funktionieren von Preisanreizen ist das Hochschnellen der Zulassungszahlen von Elektroautos in Deutschland nach dem jüngsten Preisanstieg für fossile Brennstoffe. Hoffentlich kommt die Erkenntnis für die deutschen Hersteller, die erst jetzt smarte E-Autos herausbringen, nicht zu spät. Rückenwind dafür dürften sie aus dem Wirtschaftsministerium aktuell nicht erhalten, das mit aller Macht versucht, den fossilen Rückwärtsgang für Motor und Heizung einzulegen – warum auch immer und gegen jeden Expertenrat. Die AGEV hat sich – wie tausende andere Stimmen auch – in einem Brandbrief gegen das sogenannte „Gebäudeenergiegesetz“ an den Umweltminister und den Fraktionsvorsitzenden der SPD gewandt, die zähneknirschend das Vorhaben ihrer Koalitionspartner mittragen. Laut Presseberichten hat die Wirtschaftsministerin sogar externe Berater eingekauft und beim Energieversorger(!) EnBW um Argumentationshilfe für den Bau neuer Gaskraftwerke anstelle Batterietechnologie angefragt, weil die hauseigenen Experten ihren Weg in die Vergangenheit nicht mitgehen wollten. Als Feigenblatt wurde die „Biotreppe“ eingebaut, über die schrittweise „Bio“gas in die Versorgung gemischt werden soll, was zu agrarindustriellen Maiswüsten, biologischer Verarmung und Konkurrenz mit Nahrungsanbau führen wird.
Schlimmer geht immer, aber an dieser Stelle auch noch die ökonomisch und ökologisch unsinnigen „Hilfsmaßnahmen“ der Regierung angesichts erhöhter Energiepreise anzuprangern, führte zu weit. Ein knappes Gut zu verbilligen und einen Entlastungsvertrag über 1000 Euro zulasten Dritter zu beschließen, ist haarsträubend.
Hoffen wir, dass der Kanzler weg von der so oft von ihm selbst kritisierten „Flickschusterei“ hin zu systematischen Reformen findet. Erste zarte Pflänzchen wie die 66 Punkte einer Gesundheitsreform und die Aussagen aus dem Finanzministerium über eine Senkung der Einkommensteuern zulasten extrem hoher Einkünfte scheinen zu wachsen.
Hegen und pflegen wir sie, wünscht sich
Ihr
Franz J. Grömping
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