„Die Abhängigkeit muss nicht zwingend sein“

Carsten Kraus (Bildquelle: Matthias Trenn)

KI-Experte Carsten Kraus setzt sich dafür ein, dass Europa beim Thema Künstliche Intelligenz den Anschluss nicht verliert. Er spricht mit uns über das Potenzial von KI-Agenten, über Innovationshürden durch den AI Act – und seinen Vorschlag an die Politik für mehr europäische Unabhängigkeit von Big Tech.

AGEV: 2026 könnte laut Beobachtern das Jahr werden, in dem KI-Agenten den Sprung aus der Experimentierphase in den wirtschaftlichen Alltag schaffen. Sehen Sie das auch so?

Carsten Kraus: Ja. Es sind noch eine Menge Fragen zur Sicherheit offen, aber die Technologie fängt an, in der Praxis nützlich zu werden. Die Informationsübergabe zwischen den Agenten ist noch eine Schwachstelle.

AGEV: Welche realistischen Einsatzmöglichkeiten sehen Sie für KI-Agenten bei kleinen Unternehmen, die über keine großen IT-Budgets verfügen?

Carsten Kraus: Wenn man sich viel traut, braucht man kein großes Budget. Das Budget ist eher nötig, um Fehler auszuschließen. Genau das macht größere Unternehmen aber auch langsamer, es tun sich also kurzfristig Chancen für kleinere auf.

AGEV: Wie abhängig sind wir bei KI-Agenten derzeit von US-Technologiekonzernen – und wo sehen Sie die größten Risiken dieser Abhängigkeit?

Carsten Kraus: Die Abhängigkeit muss nicht zwingend sein, denn viel ist im Umbruch. Der kürzlich gehypte Moltbot (ursprünglich Clawdbot genannt) wurde von einem Einzelentwickler erschaffen, Peter Steinberger. Er hat das Projekt jetzt Open Source gestellt. Moltbot braucht als Gehirn natürlich auch ein LLM, aber kann auf verschiedene LLMs zugreifen: das können also außer dem häufig verwendeten Claude Opus auch das chinesische DeepSeek oder Kimi 2.5, das französische Mistral oder ein eigenes on-premise installiertes LLM sein. Die chinesischen Systeme sowie Llama von Meta stehen vom Programmcode her unter sehr freien Lizenzen, der Code darf gratis für quasi alle Zwecke verwendet werden. Ich habe der Politik den Vorschlag gemacht, auf der Basis solcher Open-Source Programmcodes ein neues Training von Grund auf durchzuführen, auf der Basis hierzulande kuratierter Daten. So kann Europa sicherstellen, dass die Wertvorstellungen, die das LLM durch das Training erwirbt, mit unseren europäischen kompatibel sind. Das ist voraussichtlich mit einem Budget von ca. 100 Mio. € zu machen. Danach könnten diese Modelle der deutschen Wirtschaft über die Gigafactory oder auch über kleinere Inference-Provider zur Verfügung gestellt werden – und weg wäre die Abhängigkeit.

AGEV: Gibt es aus Ihrer Sicht ernstzunehmende deutsche oder europäische KI-Agenten-Lösungen, die DSGVO-konform und wirtschaftlich konkurrenzfähig sind?

Carsten Kraus: Wirtschaftlich konkurrenzfähig bzw. rentabel funktioniert beim zugrundeliegenden LLM noch nicht: Der Markt befindet sich in der Phase, wo es nur um Wachstum geht. Das wird von Investoren bezahlt, die die Erträge auf die Zeit vertagen, wenn ein dominanter Anbieter – am besten ein von ihnen finanzierter – den Weltmarkt beherrscht. Man denke an Amazon oder Tesla, Tesla machte von 2004 bis 2019 jedes Jahr Verlust. Wenn ein europäischer Anbieter mit einem eigenen LLM konkurrenzfähig sein will, muss er also zunächst massiv investieren, mit ungewissem Ausgang, ob er zuletzt zum Oligopol gehört. Solche Firmen finanzieren europäische Investoren nicht, daher sind auch Mistral und Black Forest Labs (Flux) jetzt überwiegend US-finanziert.

Ein existierendes Open-Source-Modell in einem europäischen Rechenzentrum zu betreiben, kann rentabel sein; allerdings sind insbesondere in Deutschland unsere Strompreise hinderlich, und der AI Act macht es mit seinem Haftungsrisiken auch nicht gerade leicht.

Eine Agentic AI-Lösung in Europa zu entwickeln, die fremde LLMs nutzt: Ja, das ist rentabel möglich.

AGEV: Bremst der europäische AI Act Innovation – oder könnte die Regulierung langfristig sogar ein Standortvorteil gegenüber den USA sein?

Carsten Kraus: Ja, er bremst Innovation in allen Branchen, nicht nur in der IT.  Denn die Kunden haben wegen des AI Act Angst, dass sie ein Gesetz verletzen könnten, und verzichten daher oft noch auf sinnvollen KI-Einsatz, der die Produktivität steigern würde. Und er bremst die hiesigen KI-Startups: Wenn Kunden kaufen, tendieren viele zu großen Playern „die werden schon rechtlich alles richtig machen“.

AGEV: Wenn Sie einem Unternehmen, das aktuell den Einsatz von KI-Agenten plant, einen Rat geben sollten – welcher wäre das?

Carsten Kraus: Wir sind noch in den Kinderschuhen und können stolpern: Also erstmal experimentieren, bevor man dem Agentenschwarm viele Rechte gibt. Am besten auf separatem Rechner installieren. Aber jetzt mit dem Experimentieren anfangen, und aus den Erkenntnissen Nutzenszenarien überlegen.

Über Carsten Kraus

Carsten Kraus ist Seriengründer, KI-Experte, Angel Investor und Visionär. Aus seiner Neugierde für Algorithmen und KI sind zahlreiche Produkte entstanden – von Datenbereinigungslösungen für die Stammdaten großer Konzerne bis hin zu FACT-Finder, der Such- und Navigationstechnologie, die fast jeder Europäer beim Online-Shopping bereits genutzt hat. Es folgten weitere Firmengründungen, Beteiligungen, Innovationen und Patentanmeldungen für KI-Verfahren, mit denen er Sprunginnovationen zum Erfolg führte. Als KI-Experte setzt sich Carsten Kraus vor allem dafür ein, dass Europa in Sachen KI nicht abgehängt wird.

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/carstenkraus/

Website: https://carstenkraus.ai/

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