KI statt Heizungstausch: Der unterschätzte Hebel im Gebäudesektor

Die Diskussion um die Wärmewende dreht sich meist um neue Heizungen und aufwendige Sanierungen. Dabei ließe sich durch intelligenten Gebäudebetrieb schon heute viel Energie einsparen. Dr. Franka Birke, Gründerin des Startups metr, erklärt, wie Software und KI Heiz- und Energiesysteme effizienter steuern können und warum digitale Lösungen als eigenständiger Hebel der Wärmewende deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen. Als Mitglied des Bitkom-Arbeitskreises „Digital Real Estate & Construction“ setzt sie sich dafür ein, den Gebäudesektor stärker datenbasiert zu denken.
AGEV: Die Debatte im Gebäudesektor fokussiert stark auf Heiztechnologien. Wird die Rolle von Software und intelligenter Steuerung unterschätzt?
Dr. Franka Birke: Ja, absolut. Die Branche diskutiert viel, kommt aber zu wenig ins konkrete Handeln. Es gibt zahlreiche Pilotprojekte, in denen digitale Lösungen und KI-basierte Steuerungen getestet werden – aber sie werden bislang kaum in die Breite des Gebäudebestands ausgerollt. Dabei sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Durch die Optimierung des laufenden Betriebs von Heizsystemen lassen sich in der Praxis signifikante Energieeinsparungen realisieren – und das ganz ohne bauliche Maßnahmen. Genau hier liegt ein oft unterschätzter Hebel: Software kann bestehende Heizsysteme effizienter machen – unabhängig davon, welche Technologie von welchem Hersteller im Einsatz ist. Ob Wärmepumpe, Fernwärme oder Gasheizung – entscheidend ist nicht nur die Technologie selbst, sondern wie intelligent unterschiedliche Technologien des Gesamtbestands betrieben werden. Erst durch die richtige Steuerung wird das tatsächliche Effizienzpotenzial gehoben.
AGEV: Welches konkrete Potenzial sehen Sie im Einsatz von KI für das Energiemanagement in Gebäuden?
Franka Birke: Das größte Potenzial liegt im Bestand, weil hier der Hebel sofort wirksam wird. KI ermöglicht es, Heizsysteme kontinuierlich zu analysieren und dynamisch zu optimieren. Dadurch sinkt der Energieverbrauch spürbar, ohne dass aufwendige Umbauten notwendig sind.
Mit unseren Softwarelösungen für Heizungsanlagen sind je nach Gebäude Einsparungen von bis zu 35 Prozent möglich. Das zeigt, wie groß das Potenzial allein im Betrieb ist – unabhängig von der eingesetzten Heiztechnologie.
Gleichzeitig werden Fachkräfte entlastet, weil viele Analyse- und Steuerungsprozesse automatisiert ablaufen. Der Betrieb wird effizienter, transparenter und deutlich weniger fehleranfällig. So entsteht ein skalierbarer Ansatz, der sich schnell über viele Gebäude hinweg ausrollen lässt.
AGEV: Welche Probleme im Gebäudebetrieb lassen sich mit KI heute bereits messbar besser lösen?
Franka Birke: Ein zentrales Thema ist die fehlende Transparenz im Betrieb: Viele Heizungsanlagen laufen ineffizient, ohne dass es erkannt wird. Erst durch die Anbindung an die Regler und die kontinuierliche Erfassung von Betriebsdaten wird sichtbar, wie Anlagen tatsächlich arbeiten.
Darauf aufbauend entsteht ein weiterer entscheidender Hebel: Im Gebäudebetrieb fallen große Mengen an Betriebs-, Sensor- und externen Daten an – etwa zu Wetter, Nutzung oder Energiepreisen. Diese Daten bleiben ohne geeignete Auswertung oft ungenutzt.
Hier setzt KI an. Sie kann diese Daten kontinuierlich analysieren, Muster erkennen und daraus konkrete Optimierungen ableiten. So werden zusätzliche Einsparpotenziale sichtbar, die zuvor verborgen geblieben sind.
Darüber hinaus verbessert sich die Fehlererkennung deutlich. Unregelmäßigkeiten im Betrieb werden frühzeitig identifiziert, sodass gezielt eingegriffen werden kann, bevor es zu erhöhtem Energieverbrauch oder Ausfällen kommt. Gleichzeitig entstehen konkrete Handlungsempfehlungen für den Betrieb – bis hin zur teilautomatisierten Steuerung.
Insgesamt entwickelt sich der Gebäudebetrieb so von einem reaktiven hin zu einem proaktiven und datengetriebenen System.
AGEV: Wie entscheidend sind verfügbare Daten – etwa aus Sensorik oder Smart Metern – für den erfolgreichen Einsatz von KI?
Franka Birke: Daten sind die Grundlage für alles. Der erste Schritt ist dabei die Datentransparenz: Heizsysteme liefern heute bereits kontinuierlich Betriebs- und Verbrauchsdaten – entscheidend ist, dass diese überhaupt sichtbar und zugänglich gemacht werden.
Um das volle Potenzial von KI zu nutzen, reicht das allein jedoch nicht aus. Erst wenn unterschiedliche Datenquellen sinnvoll miteinander verknüpft werden – etwa Betriebsdaten, Wetterdaten oder Nutzungsinformationen – entstehen die notwendigen Zusammenhänge für echte Optimierung.
Genau hier liegt aktuell eine große Herausforderung im Bestand: Viele Gebäude sind infrastrukturell noch nicht darauf ausgelegt, Daten systematisch zu erfassen, zu bündeln und weiterzuverarbeiten. Es fehlt häufig an durchgängigen Schnittstellen und einer zentralen Datenbasis.
KI ist dann in der Lage, diese Daten zu analysieren, Muster zu erkennen und konkrete Optimierungspotenziale abzuleiten. Der entscheidende Mehrwert liegt darin, dass daraus umsetzbare Handlungsempfehlungen entstehen – bis hin zu automatisierten Steuerungen. Gleichzeitig fungieren datenbasierte Systeme als Frühwarnmechanismus, der Ineffizienzen oder Fehlfunktionen erkennt, bevor sie größere Auswirkungen haben.
Genau hier setzen moderne Softwarelösungen an: Sie schaffen die notwendige Datentransparenz, verknüpfen unterschiedliche Datenquellen und machen so den Einsatz von KI im Gebäudebetrieb überhaupt erst skalierbar.
AGEV: Und warum werden intelligente Steuerungssysteme bislang nicht schneller eingesetzt?
Franka Birke: Technologische Grenzen gibt es aus unserer Sicht nicht – die Lösungen sind vorhanden und funktionieren. Die Herausforderung liegt eher im Marktumfeld und in den Strukturen der Anwender.
Politische Prozesse dauern oft lange und schaffen Unsicherheit. Themen wie kommunale Wärmeplanung oder regulatorische Vorgaben führen dazu, dass viele Akteure abwarten, um keine falschen Entscheidungen zu treffen. Dieses Zögern bremst die Umsetzung, obwohl gerade softwarebasierte Lösungen schnell und ohne große Investitionsrisiken eingesetzt werden könnten.
Hinzu kommen interne Faktoren: Vielen Organisationen fehlt ein klares Zielbild für den Einsatz digitaler Lösungen im Gebäudebetrieb. Prozesse ziehen sich, Entscheidungen werden hinausgezögert, weil unklar ist, wie innovative Technologien konkret eingesetzt und über größere Portfolios hinweg skaliert werden können.
Unsere Erfahrung zeigt: Sobald ein klares Zielbild definiert ist und Verantwortlichkeiten feststehen, geht die Umsetzung deutlich schneller – gerade weil softwarebasierte Lösungen flexibel und schrittweise eingeführt werden können.
AGEV: Welche politischen Anreize oder Standards braucht es aus Ihrer Sicht, um KI-basierte Lösungen im Gebäudebetrieb breiter auszurollen?
Franka Birke: Wichtig sind vor allem klare und verlässliche Rahmenbedingungen. Digitale Lösungen sollten als eigenständiger Hebel für Energieeffizienz stärker anerkannt werden.
Darüber hinaus braucht es Standards für Datenzugang und Schnittstellen, damit Systeme einfacher integriert werden können. Auch Fördermechanismen sollten stärker darauf ausgerichtet werden, Effizienz im Betrieb zu heben – nicht nur durch bauliche Maßnahmen, sondern auch durch intelligente Steuerung.
Aktuelle Entwicklungen zeigen jedoch, dass hier noch Unsicherheit besteht. So ist im Kontext des geplanten Gebäudemodernisierungsgesetzes (GMG) beispielsweise fraglich, warum bestehende Regelungen zur Gebäudeautomation wie § 71a aufgeweicht oder gestrichen werden sollen. Gerade solche Vorgaben sind wichtige Treiber für Transparenz und Effizienz im Gebäudebetrieb.
Wenn Digitalisierung im Gebäudesektor ernsthaft vorangebracht werden soll, braucht es daher nicht weniger, sondern mehr Verlässlichkeit bei digitalen Anforderungen – insbesondere im Hinblick auf Datenverfügbarkeit, Interoperabilität und den Einsatz intelligenter Steuerungssysteme.
AGEV: Ein Blick in die Zukunft: Wenn man den Gebäudebetrieb konsequent digital denkt: Wie funktioniert ein typisches Wohn- oder Gewerbegebäude in zehn Jahren?
Franka Birke: In zehn Jahren werden Heizsysteme weitgehend selbstoptimierend arbeiten. KI analysiert kontinuierlich Betriebsdaten und passt die Steuerung in Echtzeit an – abgestimmt auf Nutzung, Wetter und Energiepreise.
Gebäude werden dadurch effizienter, stabiler im Betrieb und deutlich weniger wartungsintensiv. Sie kommunizieren ihren Zustand proaktiv und steuern Energiebedarf sowie Wartung zunehmend eigenständig. Eingriffe erfolgen gezielt und vorausschauend, statt erst bei Problemen. Für Betreiber bedeutet das geringere Kosten und weniger Aufwand, für Nutzer mehr Komfort.
Gleichzeitig werden Gebäude nicht mehr isoliert betrachtet, sondern vernetzt gesteuert – etwa in Quartieren oder über größere Portfolios hinweg. Energieflüsse werden gebäudeübergreifend optimiert, Lasten intelligent verteilt und lokale Erzeugung sowie Verbrauch besser aufeinander abgestimmt.
Der entscheidende Unterschied wird sein, dass Gebäude nicht mehr statisch betrieben werden, sondern intelligent und vernetzt gesteuert – und genau darin liegt der größte Hebel für Energieeffizienz.
Über Dr. Franka Birke:
Franka Birke verfügt über 20 Jahre Erfahrung in der Startup-Branche. Sie arbeitete sechs Jahre am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement der Technischen Universität Berlin. Anschließend baute sie als Projektleiterin den ersten Clean Tech Accelerator Deutschlands, das Climate-KIC am EUREF-Campus Berlin, auf. 2016 übernahm sie die kommissarische Leitung des Centre for Entrepreneurship. Anschließend gründete sie die metr Building Management Systems GmbH und ist seitdem CEO des PropTech-Unternehmens. Franka Birke ist darüber hinaus PropTech-Beauftragte des ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss e.V., Jury-Mitglied bei den EnergyAwards sowie im Vorstand des Bitkom-Arbeitskreises „Digital Real Estate & Construction“.
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