Wenn KI selbstständig handelt: Chancen autonomer Agenten

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Von der Automatisierung zur Autonomie: KI-Agenten sind mehr als nur Chatbots – sie „denken“ mit, handeln eigenständig und entscheiden selbst. Die neue KI-Generation könnte für deutsche Unternehmen zum Gamechanger werden.

Eine Szene aus dem Joballtag mit KI-Agenten: Es ist ein Dienstagmorgen im Januar 2026. Während Sarah Müller, Inhaberin einer mittelständischen Marketingagentur in Hamburg, ihren ersten Kaffee trinkt, hat ihr digitaler Assistent bereits gearbeitet: drei neue Kundenanfragen beantwortet, Rechnungen geprüft, Social-Media-Posts für die Woche geplant und einen Workshop-Termin koordiniert – alles eigenständig, ohne dass Sarah auch nur einen Finger gerührt hätte. Willkommen in der Ära der KI-Agenten.

Was KI-Agenten sind – und warum sie alles verändern könnten

KI-Agenten sind eigenständige Software-Programme, die Aufgaben autonom ausführen, Entscheidungen treffen und mit ihrer Umgebung oder anderen Agenten interagieren. Der entscheidende Unterschied zu Chatbots: Sie agieren nicht nur auf Anfragen, sondern handeln selbst. Das heißt, sie durchsuchen für uns das Internet, vergleichen Preise, buchen Reisen, schreiben E-Mails oder selbstständig ganze Softwareprogramme.

Auch für Freiberufler und Selbstständige wird diese neue Agenten-Ökonomie den Arbeitsalltag radikal verändern, indem KI-Assistenten die Kundenakquise und Büroorganisation weitgehend übernehmen. Erfolg setzt dann zweierlei voraus: ein digitales Geschäftsmodell und eine unverwechselbare persönliche Expertise, die keine KI ersetzen kann.

Darüber hinaus ermöglicht die nächste Revolution in der Arbeitswelt im besten Fall einen Weg aus der einseitigen Abhängigkeit von US-Firmen. Nvidia-Chef Jensen Huang vertrat in einer Diskussion während seines Auftritts beim World Economic Forum (WEF) in Davos im Januar die These, dass Europa eine historische Chance hätte, weil die klassische Software-Ära, die stark von den USA dominiert werde, zu Ende gehe und durch die Ära der Agenten-Ökonomie und der physischen KI abgelöst werde. „Europa hat die letzte, US-geführte Software-Ära verpasst. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Hören Sie auf, dem Silicon Valley hinterherzujagen. Überspringen Sie diese Phase einfach.“

n8n – KI-Startup aus Berlin setzt Maßstäbe bei der KI-Automatisierung

Ein Beispiel für diese These ist das Startup n8n aus Berlin, das eine mächtige Plattform für Workflow-Automatisierung und KI-Agenten geschaffen hat. Es sicherte sich Ende 2025 eine Finanzierung von über 180 Millionen US-Dollar und erreichte eine Bewertung von 2,5 Milliarden Dollar – eine Verachtfachung seit März 2025. n8n bietet ein KI-gesteuertes Automatisierungs-Tool mit zahlreichen Schnittstellen und intuitiver Oberfläche. Programmierkenntnisse sind nicht nötig. Ein weiterer Vorteil: n8n kann sowohl in der Cloud als auch auf eigenen Servern betrieben werden. Das heißt, die Daten verlassen Europa in diesem Fall nicht.

„Die geopolitische Lage macht digitale Souveränität zum Wettbewerbsfaktor“, sagt AGEV-Geschäftsführer Franz J. Grömping. „Unternehmen, die sensible Daten auf US-Servern lagern, sind nicht nur DSGVO-Risiken ausgesetzt, sondern vor allem den Launen wechselnder US-Administrationen und deren Datenzugriffs-Gesetzen.“ Die Abhängigkeit von US-Hyperscalern ist zum strategischen Risiko geworden. Der Cloud Act erlaubt US-Behörden Zugriff auf Daten amerikanischer Unternehmen – unabhängig vom Speicherort. Mit zunehmenden politischen Spannungen zwischen Europa und den USA wird diese Verwundbarkeit akut. „Europa kann sich nicht weiter leisten, in der kritischsten Technologie des 21. Jahrhunderts von einem unberechenbaren Partner abhängig zu sein“, so Grömping.

Anwendungsfälle am Beispiel von n8n

Zwei n8n-Beispiele aus der Praxis: Delivery Hero hat durch die Workflow-Automatisierung monatlich 200 Arbeitsstunden eingespart. Die Job-Plattform StepStone reduzierte eine Arbeitslast von zwei Wochen auf zwei Stunden. Aber auch für Freiberufler und Selbstständige eröffnen sich konkrete Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung, zum Beispiel hier:

Vertrieb: LinkedIn-Recherche, E-Mails, personalisierte Ansprachen und Lead-Qualifizierung – was Tage kostete, erledigt der Agent in Minuten.

Personal: Kandidaten vorfiltern, Lebensläufe abgleichen, automatische Zusammenfassungen – DSGVO-konform auf EU-Servern.

Kundenservice: Anfragen analysieren, in Wissensdatenbanken recherchieren, Antworten formulieren und Tickets weiterleiten.

Content: Blog-Performance überwachen, Rankings identifizieren, Optimierungen vorschlagen.

Finanzen: Rechnungsprüfung, Zahlungserinnerungen, Budgetüberwachung, automatisierte Reportings.

„Die Hemmschwelle zur Anwendung des Automatisierungs-Tools sinkt kontinuierlich“, schreibt ein n8n-Nutzer. „Mit über 1.200 Vorlagen gelingt der Einstieg in Minuten, und viele Basisfunktionen sind kostenlos.“

KI-Unternehmen aus Deutschland: relevanter als vermutet

Neben n8n gibt es weitere spannende Startups aus Deutschland, die sich gerade zu echten Alternativen zu den allgegenwärtigen Big-Playern aus den USA entwickeln:

  • Aleph Alpha aus Heidelberg positioniert sich als europäische Foundation-Model-Alternative mit Fokus auf Datensouveränität – besonders relevant für regulierte Branchen.
  • DeepL aus Köln ist Weltmarktführer bei KI-Übersetzungen und setzt Maßstäbe für Qualität mit europäischem Datenschutz.
  • Black Forest Labs, spezialisiert auf Bildgenerierung, ist mittlerweile mit rund 3,25 Milliarden US-Dollar bewertet.

Für fast jeden US-KI-Player gibt es heute eine europäische Alternative – mit weniger Marketing, aber klarem Fokus auf DSGVO-Konformität und Datensouveränität. Deutschland hat zudem eine extrem starke Robotik-Landschaft, die sich gerade radikal wandelt: weg von statischen Roboterarmen hin zu Unternehmen, die Hardware mit KI und Agenten-Software verschmelzen. So gilt zum Beispiel Neura Robotics aus Metzingen als das wichtigste deutsche Robotik-Startup. Das Modell „MAIRA“ ist einer der weltweit ersten kognitiven Roboter, der dank Sensoren und KI hören, sehen und mit Menschen interagieren kann.

Risiken im Blick behalten

Das größte Risiko der Agenten-Ökonomie liegt im Verlust der menschlichen Kontrolle und Transparenz, da autonome KI-Systeme durch fehlerhafte Logik, manipulierte Daten oder mangelnde Haftungsregeln unvorhersehbare Kettenreaktionen in globalen Märkten und kritischen Infrastrukturen auslösen könnten. Zudem gibt es weitere Risiken mit großem Schadenspotenzial für die gesamte Gesellschaft. So sind KI-Agenten mit Zugriff auf Unternehmensdaten attraktive Angriffsziele. “Eine kompromittierte KI ist wie ein Innentäter mit Vollzugriff”, warnen IT-Sicherheitsexperten.

Besonders problematisch sei auch das Phänomen der Schatten-KI: Mitarbeitende nutzen KI-Tools ohne Wissen der IT-Abteilung – massive Sicherheits- und Compliance-Risiken sind die Folge. Hinzu komme gesetzliche Unsicherheit: Urheberrechtliche und datenrechtliche Fragen bei der Nutzung von KI-Agenten sind vor allem in sensiblen Bereichen wie Recht oder Medizin noch nicht restlos geregelt. Auch Bias und Verzerrungen blieben ein zentrales Problem: Verzerrte Trainingsdaten können beispielsweise zu diskriminierenden Entscheidungen führen – besonders problematisch bei Bewerbungen oder Kreditvergaben.

Die Politik muss handeln

In Deutschland gibt es laut der Einschätzung vieler Experten neben guten Voraussetzungen wie einer hervorragenden Forschungslandschaft auch Hindernisse, um bei der KI-Entwicklung vorne mitzuschwimmen. Zum einen zu wenig Risikokapital: 2025 flossen zwar 5,4 Milliarden Euro in deutsche Startups – doch die Lücke zu den USA und Frankreich bleibt groß. Deutschland rangiert bei Venture-Capital-Investments international nur auf Platz 18.

Ein weiteres Hindernis sind die Rechenkapazitäten: Heute zwingt die fragmentierte Landschaft deutscher Rechenzentren Startups oftmals immer noch zu US-Hyperscalern – mit allen Abhängigkeiten. Hinzu kommen ungeklärte Sicherheitsfragen und hohe Kosten für die Energieversorgung, insbesondere angesichts des erwartbaren exorbitanten Verbrauchsanstiegs.

Bei der Energieinfrastruktur und dem Ausbau erneuerbarer Energien ist Deutschland zwar ein gutes Stück vorangekommen, aber noch nicht weit genug. Die Politik muss den eingeschlagenen Weg konsequent weiter fortführen. Zudem könnte sie den Bau von KI-Gigafabriken (HPC-Zentren) in Deutschland stärker fördern, damit heimische Startups und der Mittelstand nicht zu 100 Prozent von US-Clouds abhängig sind. Ziel sollte sein, die digitale Souveränität, Nachhaltigkeit und Datensicherheit von KI-Gigafabriken zu garantieren.

Ein weiteres politisches Handlungsfeld ist die Dateninteroperabilität: Damit ein KI-Agent eines deutschen Handwerkers mit dem Agenten eines Großhändlers kommunizieren kann, braucht es Standards und eine Open-Data-Strategie: Behörden und öffentliche Unternehmen müssen dazu verpflichtet werden, den Großteil ihrer Daten (bis auf sensible Daten) maschinenlesbar (über APIs) bereitzustellen.

Nicht zuletzt brauchen wir ein modernes „Agenten-Recht“. Aktuell ist nicht immer klar, wer haftet, wenn ein Agent eigenständig folgenreiche Entscheidungen fällt. „Die Politik muss klare Regeln für die digitale Bevollmächtigung von KI-Systemen schaffen und die Gesetzgebung so gestalten, dass Innovationen nicht durch überbordende Dokumentationspflichten im Keim erstickt werden“ fordert Grömping.

Arbeitsmarkt: Transformation statt Revolution

Laut aktuellen Studien könnte die Produktivität in Deutschland durch Automatisierung bis 2030 jährlich um bis zu 3,3 Prozent steigen. 82 Prozent der Unternehmen berichten bereits von Produktivitätssteigerungen durch generative KI – im Schnitt 13 Prozent pro Jahr. Repetitive Tätigkeiten in Verwaltung, Kundenservice und Datenverarbeitung werden verschwinden. Gleichzeitig entstehen neue Rollen. Ob KI-Trainer oder Automatisierungs-Designer – entscheidend wird Weiterbildung sein.

Die Kluft zwischen KI-Natives und zögerlichen Unternehmen wächst drastisch, warnen Experten. Wer 2026 nicht aufgestellt ist, riskiert den Anschluss zu verlieren – technologisch und bei der Talentgewinnung. Für Selbstständige und Freiberufler gelte deshalb: „Jetzt anfangen. Nicht mit der perfekten Lösung, sondern mit kleinen Schritten: Zum Beispiel ein KI-Agent für Rechercheaufgaben, ein Workflow für Rechnungen oder ein Chatbot für Standard-Anfragen“, rät Mario Brouwers, Mitglied des Vorstandes der AGEV.

Souveränität als Wettbewerbsvorteil

KI-Agenten sind da, sie funktionieren, und sie werden die Arbeitswelt fundamental verändern. Die bisherigen Hürden bei der Softwareentwicklung sinken rapide durch Agenten und Vibe-Coding – als Programmieren mittels natürlicher Sprache. Mistral – das wichtigste europäische Large Language Modell (LLM) aus Frankreich – hinkt bei der Performance den führenden Modellen aus den USA und China zwar noch hinterher, als Open Source-Modell hat Mistral aber entscheidende Vorteile hinsichtlich Transparenz und Kostenstruktur.

Deutschland hat sogar alle Voraussetzungen für eine Führungsrolle: Exzellente Forschung, starker Mittelstand mit Expertise bei hochautomatisierter Produktion, klare Datenschutzstandards und eine wachsende Startup-Szene im KI-Bereich. Die geopolitische Lage macht europäische Alternativen zu US-Plattformen zum strategischen Imperativ. Unternehmen, die heute auf digitale Souveränität setzen, sichern sich Wettbewerbsvorteile für morgen.

Hinweis: Das AGEV-Schwerpunktthema für das Jahr 2026 erhält den Arbeitstitel „Digitale Souveränität“. Tragen Sie gern Ideen und Produktvorschläge bei! Schreiben Sie uns an dialog@agev.de

Lesen Sie zum Thema auch unser Interview „Die Abhängigkeit muss nicht zwingend sein“ mit KI-Experte Carsten Kraus.

Wie sich das Internet durch Agenten verändert

In der Agenten-Ökonomie wird der Agent immer mehr zum Gatekeeper. Das bedeutet: Der Nutzer wird die Firmen-Website meist gar nicht mehr sehen. Der KI-Agent liest sie im Hintergrund und liefert nur das fertige Ergebnis. Wer weiterhin sichtbar bleiben möchte, muss seine Website für KI-Agenten „lesbar“ machen. Strukturierte Daten sind dabei entscheidend. Wer seine Öffnungszeiten, Preise oder Produktdetails nicht technisch sauber hinterlegt, existiert für den Agenten schlichtweg nicht.

KI-Agenten suchen außerdem immer nach der besten Antwort, nicht nach der allgemeinsten. Eine hochspezialisierte Seite hat daher bessere Chancen, von einem Agenten als Topquelle ausgewählt zu werden, als ein allgemeines Portal. Hier haben kleine Anbieter einen Vorteil gegenüber den „Giganten“. In einer Flut von KI-generiertem Einheitsbrei wird Expertenwissen und eine persönliche Note zum Gradmesser für Relevanz und Vertrauen.

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