Die Kraft der Wellen: Saubere Energie rund um die Uhr

Könnte Wellenkraft einmal das fehlende Puzzleteil der Energiewende werden? Im Gegensatz zu Wind und Sonne ist Wellengang berechenbar. Obwohl die Technologie trotz jahrzehntelanger Forschung immer noch in der Pilotphase steckt, erlebt die Branche derzeit neuen Rückenwind. Vor allem Europa forscht und investiert, um sich unabhängiger zu machen.
Während Solaranlagen nur tagsüber Strom erzeugen und Windkraft wetterabhängig schwankt, ist das Wasser der Ozeane ununterbrochen in Bewegung. Die erzeugte Energie könnte theoretisch der fehlende Baustein sein, der die erneuerbaren Energiequellen stabiler und planbarer macht. Vor allem mit Blick auf den Winter, wenn der Strombedarf steigt, dann liefern die Wellen bei stürmischer See noch mehr Energie. Bereits seit den 1970er-Jahren wird an Wellenkraftwerken geforscht. Einen Durchbruch gab es bis heute jedoch nicht, weil hohe Kosten, extreme Belastungen durch Salzwasser und Stürme sowie die komplizierte Wartung auf offener See viele Pilotprojekte wirtschaftlich oder technisch scheitern ließen.
Europa investiert in Pilotanlagen
Die Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg und den jüngsten Konflikten im Nahen Osten machen deutlich, wie verwundbar Europas Energieversorgung ist und unterstreichen zugleich die strategische Bedeutung einer möglichst unabhängigen und resilienten Energieversorgung. Wellenkraft vor Europas Küsten wäre eine „heimische“ Ressource, die weder importiert werden müsste noch geopolitisch riskant ist. Das Potenzial für Wellenkraft gilt als enorm: Branchenverbände wie Ocean Energy Europe schätzen, dass Wellenenergie theoretisch weltweit rund 29.500 Terawattstunden Strom pro Jahr liefern könnte. Zum Vergleich: Der gesamte Stromverbrauch der Europäischen Union liegt derzeit bei rund 2.700 bis 3.000 Terawattstunden jährlich. Rein rechnerisch könnte die Energie der Ozeane Europa also mehrfach mit Strom versorgen.
Die EU fördert inzwischen zahlreiche Pilotanlagen, vereinfacht Genehmigungsverfahren und investiert Millionenbeträge in neue Projekte. In den kommenden fünf Jahren sollen auf dem Kontinent öffentlich finanzierte Meeresenergie-Projekte mit einer Gesamtleistung von 165 Megawatt entstehen.
Riesenbojen vor Portugals Atlantikküste
Als aussichtsreichster europäischer Entwickler gilt derzeit das schwedische Unternehmen CorPower Ocean. Das Startup setzt auf eine Technologie, die optisch an riesige Bojen erinnert. Die schwimmenden Anlagen bewegen sich mit den Wellen auf und ab und erzeugen daraus Strom. Lange galt genau dieser Ansatz als zu anfällig für schwere Stürme. Nach Angaben des Unternehmens ist dieses Problem inzwischen deutlich besser beherrschbar. Vor der portugiesischen Atlantikküste testete CorPower seine Anlagen unter Extrembedingungen. Selbst bei schweren Atlantikstürmen blieb die Bewegung der Anlage kontrolliert. Die Boje hob und senkte sich deutlich weniger stark als die umliegenden Wellen – ein wichtiger Fortschritt für die Haltbarkeit der Technik.
Ab 2026 plant das Unternehmen vor dem portugiesischen Küstenort Aguçadoura den Aufbau eines ersten netzgekoppelten Wellenparks mit mehreren Anlagen. Das Projekt gilt als wichtiger Schritt vom Pilotbetrieb hin zur industriellen Nutzung der Technologie. Parallel arbeitet CorPower auch an größeren Wellenparks in Großbritannien und Irland.
Der größte Stolperstein bleibt allerdings der Preis. Der Aufbau großer Anlagen auf hoher See ist teuer und verschlingt Milliarden. Zudem fehlen noch wichtige Erfahrungen im industriellen Dauerbetrieb. Experten gehen dennoch davon aus, dass die Kosten ähnlich sinken könnten wie einst bei Offshore-Windkraft und Photovoltaik, vorausgesetzt, die ersten größeren Projekte verlaufen erfolgreich.
Futuristisch: schwimmende, wellenbetriebene KI-Rechenzentren von Phantalassa

Auch außerhalb Europas ist das Interesse vorhanden. In den USA investieren Regierung und Unternehmen zunehmend in Meeresenergie. Besonders spannend ist dabei der neue Schwung durch den Boom künstlicher Intelligenz, der den Strombedarf von Rechenzentren massiv nach oben treibt und die Suche nach innovativen Technologien pusht.
Für Aufmerksamkeit sorgt in diesem Zusammenhang das US-Startup Panthalassa, hinter dem prominente Investoren aus dem Silicon Valley stehen. Seine Idee klingt futuristisch: Autonome Plattformen auf dem offenen Meer nutzen die Wellenenergie direkt zur Versorgung von KI-Rechenzentren. Die Datenverarbeitung würde dabei unmittelbar auf See stattfinden, gekühlt durch Meerwasser und verbunden per Satellit. Laut Medienberichten führt Tech-Investor Peter Thiel eine 140 Millionen Dollar schwere Finanzierungsrunde für das Startup an und hat das Unternehmen dadurch bereits nahe an eine Milliardenbewertung gebracht. Das Interesse aus dem wichtigsten Tech-Zentrum der Welt zeigt, dass Wellenkraft nicht mehr nur als Nischentechnologie wahrgenommen wird.
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