KI im Gebäudesektor: Wie können kleine Unternehmen intelligente Systeme nutzen, um Kosten und Energie zu sparen?

Künstliche Intelligenz im Gebäudebereich – das klingt zunächst einmal nach Bürotürmen und Immobilienkonzernen mit eigener IT-Abteilung. Tatsächlich sieht die Realität jedoch anders aus. Handwerksbetriebe, kleine Ingenieurbüros und selbstständige Gebäudeverwalter entdecken zunehmend, dass sich mit smarten Systemen nicht nur die Energiekosten senken lassen. Wer in ein zeitgemäßes Energiemanagement investiert, profitiert gleich mehrfach: Mitarbeiter sind motivierter, weil sie in einem nachhaltigen und effizienten Unternehmen arbeiten. Nach außen zahlt sich diese Maßnahme ebenfalls aus, da sie das Image verbessert.

Bildquelle: AI-generated image

 

Ein ganz normaler Morgen in einem intelligenten Gebäude

Es ist 7:30 Uhr: Die Wärmepumpe im Bürogebäude des mittelständischen Ingenieurbüros springt an. Gegen Mittag schaltet sie sich wieder ab, denn die Wettervorhersage hat Sonnenschein angekündigt, und das Gebäude wärmt sich für die nächsten Stunden von selbst auf. Ab jetzt übernimmt die Solaranlage auf dem Dach die Stromversorgung. Überschüssige Energie wandert in den Speicher für die Zeit, in der die Sonne nicht scheint. Auf dem Parkplatz laden die Firmenwagen über bidirektionale Wallboxen Netzstrom zwischen, wenn es sich lohnt. Kein Mensch muss eingreifen. Ein KI-System hat über Nacht Wetterdaten, Belegungspläne und historische Verbrauchsmuster durchgerechnet und die entsprechenden Entscheidungen längst getroffen.

Das ist keine Science-Fiction-Story. Die Technologie dafür existiert längst. Doch die breite Praxis hinkt noch hinterher. Das dürfte sich in den kommenden Jahren jedoch ändern. Immer mehr Gebäude werden ihre Heizung, Lüftung, Kühlung und Energieerzeugung über Systeme steuern, die ständig vorausberechnen, wann Menschen kommen und wie schnell sich Räume erwärmen oder abkühlen.

Ein Sektor mit enormem, ungenutztem Potenzial

Die Zahlen sprechen für sich: Rund 40 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs in der EU entfallen auf Gebäude, mehr als ein Drittel der energiebedingten Treibhausgasemissionen gehen auf ihr Konto. Kein anderer Sektor verbraucht so viel Energie – und kaum einer bietet so viel Hebelwirkung für die Klimaziele.

Thermostate, Zeitschaltuhren, simple Steuerungsanlagen kennt man bereits aus der klassischen Gebäudeautomation. Den heutigen Anforderungen sind sie jedoch nicht mehr gewachsen. Zu ungenau, ineffizient und nicht zukunftssicher. Der entscheidende Unterschied zu KI-Systemen: Während alte Technik nur reagiert, lernt KI aus Daten und trifft Vorhersagen. Sie erkennt Muster, antizipiert Belegung und Wetter und optimiert Steuerungsentscheidungen fortlaufend. Reagieren versus Agieren, könnte man sagen.

„Das größte Einsparpotenzial durch KI liegt im Bestand, weil der Hebel dort sofort wirksam wird“, sagt Franka Birke, CEO von metr Building Management Systems aus Berlin, im AGEV-Interview. Für Selbstständige wie Handwerker, die oft in eigenen Räumlichkeiten arbeiten, eine gute Nachricht: Genau diesen Hebel können sie besonders gut für sich nutzen.

Was die Software im Hintergrund eigentlich tut

KI-gestützte Energiemanagementsysteme nutzen Daten aus allen erdenklichen Quellen: Photovoltaikanlagen, Speichern, Temperatursensoren, CO₂-Messgeräten, Smart Metern, Belegungssensoren, Wetterdiensten, Kalenderdaten, sogar variablen Stromtarife. Daraus entstehen in Echtzeit Steuerungsentscheidungen. Welche Zone wird jetzt geheizt oder gekühlt? Wann drosselt die Lüftung? Und – eine der spannendsten Fragen überhaupt – wann lohnt es sich, selbst erzeugten Solarstrom zu speichern, statt ihn ins Netz zu schicken?

Die Größenordnung der Einsparungen, von der Anbieter berichten: typischerweise zehn bis 25 Prozent, in schlecht optimierten Bestandsgebäuden teils deutlich mehr. „KI-gestützte Analysen erlauben es, Stromerzeugung und Stromverbrauch von Gebäuden deutlich genauer zu prognostizieren“, sagt AGEV-Vorstandsmitglied Mario Brouwers. „Auf dieser Basis lassen sich Heizungen, Speicher und andere Geräte präziser und wirtschaftlicher steuern.“

Rechnet sich das überhaupt?

Die Kostenfrage ist für die meisten Unternehmer der Knackpunkt. Lange war ausgereifte Gebäudeleittechnik eine Frage des Portfolios – kleine Objekte mit kompletter Sensorik und Integration landeten schnell im Bereich von mehreren Zehntausend Euro, für kleine Betriebe schlicht nicht zu stemmen.

Das hat sich verschoben. Cloud-basierte Lösungen haben den Einstieg deutlich erleichtert, und Proptech-Unternehmen (der Begriff setzt sich aus Property für „Immobilie“ und „Technology“ für Technologie zusammen) bieten Energiemanagement inzwischen als reine Dienstleistung an: Sensoren, Software, Wartung, Überwachung – alles im Abo, oft unter dem Label „Energy as a Service“. Die Investition bleibt überschaubar, weil sie sich aus der eingesparten Energie refinanziert. Für kleine Betriebe sinkt damit eine der größten Hürden.

Ein Beispiel ist aedifion aus Köln. Das Proptech-Startup analysiert mit digitalen Prozessen und KI die Betriebsdaten von Heizung, Kühlung und Lüftung in Echtzeit und steuert die Anlagen vorausschauend. Die Bandbreite der Einsparungen – zwischen zehn und 50 Prozent – schwankt je nach Ausgangszustand des Gebäudes, Datenlage und Kombination der eingesetzten Maßnahmen erheblich.

Wer investieren will, kann zudem auf Förderung hoffen. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) unterstützt im Rahmen der Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft Investitionen in digitale Energiemanagementsysteme, besonders für kleine und mittlere Unternehmen. Aktuell (Stand Juni 2026) sind Zuschüsse von bis zu 45 Prozent der förderfähigen Kosten möglich – ein Argument, das so manchen Zauderer überzeugen dürfte.

Lesen Sie zum Thema auch den Beitrag „Das Gebäudemodernisierungsgesetz unterschätzt das Digitalisierungspotenzial“ in der Rubrik Einwurf.

AGEV-Vorstand Mario Brouwers bringt auf den Punkt, was Verbände jetzt fordern:

„KI-gestützte Gebäudetechnik ist keine Spielerei mehr – sie ist ein ernsthaftes Wettbewerbsinstrument. Kleine Unternehmen, die ihre Energiekosten nicht aktiv managen, werden gegenüber Wettbewerbern mit optimierten Gebäuden strukturell benachteiligt. Wir fordern niedrigschwellige Einstiegsangebote, faire Förderbedingungen und Qualifizierungsangebote, die vor allem Mittelstand und Kleinbetriebe erreichen und nicht Großkonzerne mit eigenen IT-Abteilungen.“

Wenn Sensoren mehr sehen als gewollt

Wo Sensoren Bewegungsprofile, Raumnutzung und Aufenthaltsdaten erfassen, drängt sich die Datenschutzfrage zwangsläufig auf – vor allem, wenn Mitarbeiter betroffen sind. Belegungssensoren können, sobald sie personenbezogen verknüpft werden, faktisch zu Anwesenheitsprofilen werden. Die Empfehlung ist eindeutig: Daten nur aggregiert auswerten, personenbezogene Bewegungsdaten möglichst vermeiden, klare Betriebs- oder Dienstvereinbarungen mit Arbeitnehmervertretern schließen. Und für kleine Betriebe ohne Betriebsrat gilt erst recht: Transparenz ist besser als Schweigen. Wer früh erklärt, welche Daten erhoben werden und warum, nimmt Misstrauen von vornherein die Grundlage. Schlechte Kommunikation ist nach wie vor einer der häufigsten Gründe, warum digitale Projekte scheitern.

Wenn die Heizung zum Angriffsziel wird

Vernetzte Gebäudetechnik bringt allerdings auch neue Risiken mit sich. Schlecht gesicherte Leitsysteme können Hackern Tür und Tor öffnen, mit Folgen, die von abgeschalteten Heizungen über manipulierte Zugangssysteme bis zu kompletten Betriebsunterbrechungen reichen können. Für kleine Unternehmen heißt das konkret: Beim Einkauf von KI-gestützten Gebäudesystemen gehören Verschlüsselung, regelmäßige Sicherheitsupdates, rollenbasierte Zugriffsrechte und eine Datenhaltung innerhalb der EU zu den Mindestanforderungen. Anbieter, die zu IT-Sicherheit und Update-Strategie keine klaren Aussagen machen, sollten als riskant eingestuft werden.

Strom teilen statt allein verbrauchen: die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung

Ein Problem kennt jeder gewerbliche Mieter ohne eigene Erzeugungsanlage: Über die Energieversorgung des Gebäudes entscheidet in der Regel allein der Vermieter. Mitreden ist in der Regel schwierig. Genau hier setzt aber ein vergleichsweise neues Konzept an, die „Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (GGV)“, umgangssprachlich auch Nachbarschaftsstrom genannt. Führt der Vermieter oder Betreiber ein entsprechendes Modell ein, können auch Mieter von lokal erzeugtem Strom in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft profitieren.

Die GGV denkt nachhaltiges Energiemanagement vom einzelnen Gebäude aus weiter – bis hinauf zum ganzen Quartier. Lokal erzeugter Strom, zum Beispiel aus Photovoltaik, wird direkt zwischen mehreren Gebäuden oder Nutzern geteilt, ohne den Umweg über das öffentliche Netz. Möglich wird das durch KI-gestützte Energiemanagementsysteme, die nicht nur den Eigenverbrauch optimieren, sondern auch entscheiden, wann Energie im Gebäude bleibt, gespeichert oder in die Nachbarschaft weitergegeben wird. Anbieter wie Pionierkraft, metergrid und Ampeers haben sich genau darauf spezialisiert und verbinden Gebäude technisch zu lokalen Energiegemeinschaften – inklusive PV-Planung, Messtechnik, Abrechnungs- und Verwaltungssoftware und – auf Wunsch – der kompletten energiewirtschaftlichen Abwicklung samt Reststromlieferung und Mietersupport.

Auch das Stromnetz selbst braucht KI

Die Sache mit der KI endet nicht am Gebäude. Das gesamte Stromnetz muss für wachsende Anforderungen fit gemacht werden. Photovoltaik, Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur, Speicher – Gebäude hängen heute direkter am Energiesystem als je zuvor. Sie sind keine passiven Verbraucher mehr, sondern flexible Bausteine im Netz. Für Netzbetreiber bedeutet das eine Dauerbeobachtungsaufgabe: Bleibt das Netz nach einer Störung stabil, oder droht eine Kettenreaktion aus Frequenz- und Spannungseinbrüchen?

Genau hier setzt das Projekt „eKI4DS – Erklärbare KI für Dynamische Stabilität“ an, das vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) gemeinsam mit weiteren Partnern betrieben wird. Die Forscher werten riesige Datenmengen aus Netzbetrieb und dezentralen Anlagen aus. „Unser Ziel ist es, mit erklärbarer KI die dynamische Sicherheit von Stromnetzen besser zu verstehen und kritische Zustände frühzeitig zu erkennen“, sagt Dennis Rösch vom Fraunhofer IOSB-AST, einem der Projektpartner. „Die KI soll Netzbetreiber dabei unterstützen, rechtzeitig einzugreifen – bevor aus lokalen Störungen eine Kaskade von Fehlern und im schlimmsten Fall ein Systemkollaps wird.“

Was Verbände jetzt fordern

Die Debatte um KI im Gebäudebereich rührt an etwas Grundsätzlicherem: der digitalen Infrastruktur kleiner Unternehmen insgesamt. AGEV-Vorstand Mario Brouwers bringt es auf den Punkt: „KI-gestützte Gebäudetechnik ist keine Spielerei mehr – sie ist ein ernsthaftes Wettbewerbsinstrument. Kleine Unternehmen, die ihre Energiekosten nicht aktiv managen, werden gegenüber Wettbewerbern mit optimierten Gebäuden strukturell benachteiligt.“ Seine Forderung: „Niedrigschwellige Einstiegsangebote, faire Förderbedingungen und vor allem Qualifizierungsangebote, die vor allem Mittelstand und Kleinbetriebe erreichen und nicht Großkonzerne mit eigenen IT-Abteilungen.“

Der Einstieg über cloudbasierte Dienste und öffentliche Förderung ist für viele kleine Unternehmen heute attraktiver denn je. Plug-and-play gibt es trotzdem nicht. Wer ein KI-System einführt, muss das eigene Personal begeistern, Datenschutzfragen klären und IT-Sicherheit von Anfang an mitdenken.

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