Editorial AGEV im Dialog Juni 2026

„…ein richtiger Deniz-Undav-Moment für die Bundesregierung“
Johannes Winkel, Vorsitzender der JU

 

AGEV-Geschäftsführer Franz J. Grömping

In den Redaktionsschluss dieser Ausgabe von AGEV im Dialog, deren Editorial sich mit den frustrierenden Wettbewerbsnachteilen Deutschlands gegenüber China auseinandersetzen sollte, platzte die vorzeitige Veröffentlichung der Ergebnisse der Rentenkommission. Der wichtigste Themenschwerpunkt der AGEV erforderte damit im letzten Augenblick den Austausch der Texte.

Dass ein Ergebnis vor dem geplanten Termin veröffentlicht wird, ist schon mal ein gutes Omen. Und das kann sich angesichts der niedrigen Erwartungen tatsächlich sehen lassen.

„AP7 Såfa“ heißt das Zauberwort, das die Zukunft der gesetzlichen Rente sichern soll. So heißt die verpflichtende „Prämienrente“ in Schweden, die den Versicherten dort sage und schreibe elf % Rendite pro Jahr eingefahren hat. Die AGEV hat sich seit Jahrzehnten den Mund fusselig geredet und die Finger wund geschrieben, um dieses Modell auch für Deutschland vorzuschlagen, jetzt ist es so weit.

Zwei Prozentpunkte vom Gehalt sollen dafür eingezogen und angelegt werden. Vorläufig heißt das aber: noch weniger Netto vom Brutto. Wir brauchen niedrigere Lohnnebenkosten, bekommen aber erst mal höhere. Und das ist nicht einmal alles: Auf die zwei Prozent werden zusätzliche 1,3 Punkte erwartet, die uns die Alterung der Gesellschaft im Umlageverfahren kostet.

Bürger und Unternehmen müssen sich bewusst sein: Dieser Sprung ist nicht Folge der neuen Reformen, sondern die Hypothek aus all den Jahren ihres Ausbleibens. Hätte Deutschland 1999 die Riester-Rente verpflichtend umgesetzt, hätte die Republik schon einen milliardenschweren Kapitalstock. Rentnerinnen und Rentner verfügten jetzt über ein Zusatzeinkommen wie in Schweden. Aber bei der Riesterrente gingen 20 % (!) und mehr für Kosten drauf, während die Schweden mit unfassbaren 0,05 % und weniger auskommen. Aber nicht nur die Schröder-Regierung 1999 trifft die Schuld, auch Merkel und Scholz verließ der Mut zur Reform, obwohl alle Fakten auf dem Tisch lagen. Münteferings Rente mit 67 im Jahr 2007 war der letzte große Wurf. Wäre die Kapitalrente wenigstens vor zehn oder zwölf Jahren gekommen, hätten die Deutschen die Zusatzlasten womöglich gar nicht gemerkt – denn der Boom am Arbeitsmarkt ließ die Rentenbeiträge zwischenzeitlich sinken.

Jetzt muss die Regierung für die Fehler ihrer Vorgängerinnen büßen. Sie zu korrigieren, wird teuer, ist aber unerlässlich. Unterstützen wir sie dabei!

Der Drops ist nämlich noch nicht gelutscht. Die Unterstützung für das Expertenvotum ist groß, selbst die demokratische Opposition zeigt sich mit Ausnahme der ganz Linken konstruktiv. Wir wissen aber alle nur zu gut, wie schnell gute Konzepte in den „antisozialen“ Medien ohne Rücksicht auf Fakten und gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstört werden können.

Bei aller Zaghaftigkeit und Unvollständigkeit des Entwurfs, etwa mit Blick auf die Einbeziehung Selbstständiger und Beamter: Die Rentenreform kann der Undav-Moment der Regierung werden – und diese Aufbruchstimmung benötigen wir. Auch für eine Reform des Ehegattensplittings gibt es seit kurzem ein kluges Konzept, und den Vorschlag für die Krankenversicherungsreform hatten wir an dieser Stelle schon gewürdigt. Es zeichnet sich das nicht überraschende Bild ab, dass wir Schritt für Schritt vorankommen können, wenn wir Expertinnen und Experten in einen Raum einschließen, arbeiten lassen, nicht reinreden und die Politiker und Lobbyisten nicht ihre Partikularinteressen pflegen lassen,

konstatiert Ihr

Franz J. Grömping

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