Das Gebäudemodernisierungsgesetz unterschätzt das Digitalisierungspotenzial

Die Bundesregierung verkauft ihren Entwurf für das Gebäudemodernisierungsgesetz, das das bisherige GEG ablösen soll, als Neustart und betont die größere Entscheidungsfreiheit für Eigentümer. Die Reaktionen aus Wirtschaft und Verbänden fallen trotzdem eher kritisch aus. Auch die Digitalwirtschaft sieht Nachbesserungsbedarf. Der Bitkom fordert einen Perspektivwechsel: Weg von der fast ausschließlichen Frage „Welche Heizung wird eingebaut?“ hin zur Frage „Wie können Gebäude mithilfe digitaler Technologien möglichst wenig Energie verbrauchen?“ Das Thema Energieeffizienz durch intelligente Steuerung sollte stärker berücksichtigt werden.
Die Reaktionen auf das GModG sind kontrovers, insgesamt jedoch eher kritisch. Zustimmung gibt es dort, wo Technologieoffenheit, Wahlfreiheit und die Bündelung nationaler Regeln mit den europäischen Vorgaben für Gebäude in einem gemeinsamen Gesetzespaket (EPBD-Bündelung) begrüßt werden. Die schärfste Kritik am Entwurf richtet sich gegen mangelnde Praxistauglichkeit, zusätzliche Bürokratie, Kostenrisiken und fehlende Planungssicherheit. Außerdem begünstige er „fossile Lock-ins“. Das bedeutet: Investitionsentscheidungen infolge des Gesetzes könnten dazu führen, dass Gebäude noch viele Jahre oder sogar Jahrzehnte von fossilen Energieträgern wie Erdgas abhängig bleiben. Denn durch das Streichen der 65-Prozent-Regel für erneuerbare Energien und den Fokus auf die sogenannte Bio-Treppe – die schrittweise Beimischung klimafreundlicher Gase ab 2029 – würden neue Gasheizungen attraktiver, aber auf lange Sicht durch steigende CO₂-Preise und teure Biobrennstoffe zur riskanten Kostenfalle. Selbst viele Akteure, die das bisherige Heizungsgesetz (GEG) kritisch sahen, bemängeln, dass der neue Ansatz zwar Entlastung verspreche, letztlich aber neue Unsicherheiten schaffe.
Es stellt sich mehr und mehr die Grundsatzfrage, ob fossile Heizsysteme angesichts der jüngsten geopolitischen Krisen überhaupt noch als „risikoarme“ Technologie gelten können. Auf diese Gefahr hat auch die AGEV in ihrem Schreiben vom 4. März an die Regierung hingewiesen. Der Verband warnt darin vor einem Rückbau bestehender Vorgaben und sieht ein Risiko für Klimaschutz, Planungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. „Im Juni haben wir unsere Einwände, auf die wir bis heute keine Antwort erhalten haben, noch einmal bekräftigt, zumal sich die Protestwelle nicht nur in unserem Verband weiter fortsetzt“, sagt Geschäftsführer Franz J. Grömping.
Die Spannungen im Nahen Osten zeigen genauso wie der Ukraine-Krieg, wie verletzlich Volkswirtschaften sind, die stark von fossilen Energieimporten abhängig sind. Doch auch indirekt betroffene Volkswirtschaften bekommen durch die globalen Verflechtungen die Folgen zu spüren, wenn Energiepreise steigen, Lieferketten gestört werden, die Inflation steigt und die Konjunktur ins Stocken gerät.
Die aktuellen Entwicklungen verdeutlichen also erneut, wie wichtig es ist, den Weg zu einer resilienten und fossilfreien Energieversorgung zu ebnen. Das GModG hätte die Chance, hier ein wichtiges Signal zu setzen.
Digitale Hebel für Energieeffizienz
Der wirksamste Schutz vor Energiekrisen ist jedoch die Energie, die gar nicht erst verbraucht wird. Genau diesen Hebel rückt der Digitalverband Bitkom in seiner Stellungnahme zum GModG in den Mittelpunkt. Das Papier „Gebäudemodernisierung digital denken“ lenkt den Blick auf die Potenziale der Digitalisierung und kritisiert, dass die Wärmewende in Deutschland noch immer vor allem als Frage der Heiztechnik verstanden wird – als ginge es um die Entscheidung zwischen Wärmepumpe und Gasheizung.
Der Kern der Argumentation: Deutschland sollte nicht nur darüber diskutieren, womit Gebäude beheizt werden, sondern stärker darüber, wie Gebäude mithilfe von Daten, Automatisierung und intelligenter Steuerung deutlich weniger Energie verbrauchen können. Der Bitkom fordert deshalb, Energieeffizienz als eigenständigen Hebel der Wärmewende anzuerkennen. Verbrauch und Kosten ließen sich durch digitale Lösungen häufig schneller und kostengünstiger senken als durch aufwendige Hardwaretauschprogramme. Zur Untermauerung verweist der Verband auf seine Studie, wonach im Gebäudesektor bis 2030 bis zu 18,3 Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden könnten. Die dafür notwendigen Technologien sind da: intelligente Gebäudeautomation, digitales Energiemonitoring, Sensorik, Smart Meter, offene Schnittstellen, digitale Zwillinge, datenbasierte Steuerung von Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen sowie digitale Gebäudedaten und Logbücher.
Nach Ansicht des Bitkom scheitert die Digitalisierung des Gebäudesektors weniger an der Technik als an den Rahmenbedingungen. Digitale Maßnahmen würden häufig noch als Ergänzung statt als eigenständige Modernisierungsbausteine betrachtet. Gleichzeitig kommt der Smart-Meter-Rollout nur langsam voran, einheitliche Datenstandards und offene Schnittstellen fehlen vielerorts, und digitale Gebäudedaten werden bislang nicht systematisch erfasst. Hinzu kommen komplexe regulatorische Vorgaben, die die Einführung intelligenter Steuerungs- und Energiemanagementsysteme bremsen. Dadurch bleiben erhebliche Effizienzpotenziale ungenutzt.
Wenn die Novellierung des GModG einen Beitrag zu mehr Versorgungssicherheit leisten soll, führt an Energieeffizienz, intelligenter Steuerung und Digitalisierung kein Weg vorbei. Die günstigste, sauberste und geopolitisch sicherste Energie ist diejenige, die gar nicht erst verbraucht werden muss.
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