Deutschland will im KI-Wettbewerb aufholen – kommt die Gesellschaft hinterher?

Die Bundesregierung hat im Juli eine KI-Taskforce auf den Weg gebracht. Sie soll die KI-Aktivitäten der Ministerien bündeln und Deutschland schneller zur „KI-Nation“ machen. Im Vordergrund stehen Standortpolitik und die Frage, wie deutsche Unternehmen im Wettbewerb gegen die USA und China bestehen können. Alles wichtig. Doch eine Frage droht dabei zu kurz zu kommen: Wie gelingt es, die Gesellschaft als Ganzes auf diesen tiefgreifenden Wandel vorzubereiten und bei der Anpassung mitzunehmen?
Die KI-Taskforce arbeitet an Themen wie Spitzentechnologien, KI-Sicherheit, KI-Infrastruktur, Anwendung und Gesellschaft. „KI und Gesellschaft“ ist die einzige Arbeitsgruppe, die explizit gesellschaftliche Aspekte behandelt. Schon die vorgeschaltete Expertenkommission des Wirtschaftsministeriums setzte ihren Schwerpunkt auf Wettbewerbsfähigkeit, Infrastruktur, Investitionen und technologische Souveränität. Bildung und die breiteren gesellschaftlichen Folgen der Transformation spielten nur eine Nebenrolle. Es steht zu befürchten, dass sich dieses Muster fortsetzt.
Wir brauchen eine dauerhafte Zukunftsdebatte
Die Ministerien beschäftigen sich zwar durchaus mit Fragen der gesellschaftlichen Anpassung, und in der Technologie- und Wirtschafts-Bubble ist das Thema KI omnipräsent. Es gibt aber zu wenig breit angelegte, verständliche und zugängliche Formate. Die Menschen haben viele Zukunftsfragen: Wie verändert sich die Arbeitswelt? Welche Tätigkeiten verschwinden, welche entstehen neu? Wie gelingt ein Jobumbau im großen Maßstab? Wie muss sich das Bildungssystem anpassen – und wie kann unser soziales Sicherungssystem in einer von KI geprägten Gesellschaft aufrechterhalten werden? Wenn Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas auf der Digitalkonferenz re:publica im Mai sagt, dass es „in Deutschland bis 2030 keinen Job mehr ohne KI-Bezug geben werde“, ist das eine starke Aussage. Sie zeigt zugleich: Während die Transformation längst läuft, hecheln wir als Gesellschaft hinterher.
Zwischen Begeisterung und Verunsicherung
Jeder nimmt wahr, dass KI in Tätigkeiten eindringt, die einmal als genuin menschlich galten: Wissen strukturieren, schreiben, programmieren, analysieren, übersetzen, recherchieren, planen, gestalten, urteilen, beraten, diagnostizieren, komponieren. Die Leistungsfähigkeit der Systeme steigt schnell, und sie sind rund um die Uhr verfügbar. Hinzu kommen jetzt KI-Agenten, die nicht nur Antworten erzeugen, sondern Aufgaben planen und einzelne Arbeitsschritte zunehmend selbstständig ausführen können. Sie sind zwar noch nicht so weit, ganze Berufe zuverlässig zu automatisieren. Aber sie werden sehr schnell leistungsfähiger. Und die nächste Entwicklungsstufe ist in Sicht: die Verbindung von generativer KI und Robotik. Die International Federation of Robotics (IFR) zählt humanoide Roboter zu den wichtigsten Robotiktrends 2026. Zuverlässigkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit stehen auch hier einem breiten Einsatz noch im Wege. Doch erste Systeme gehen in die Testphase, vor allem in der Automobilindustrie, in Logistik und Fertigung. BMW etwa testet im Werk Leipzig den humanoiden Roboter AEON unter realen Produktionsbedingungen – unter anderem bei der Batteriemontage, in der Komponentenfertigung und beim Materialtransport. Der Autozulieferer und Industriekonzern Schaeffler hat eine großflächige Robotik-Offensive gestartet, testet intensiv mit mehreren Technologiepartnern und will bis zum Jahr 2035 4.000 bis 5.000 Roboter in sein Fertigungsnetz eingliedern.
Viele Menschen fühlen sich uninformiert und überfordert
Bei aller Begeisterung über die Chancen durch KI ist die öffentliche Stimmung von Ungewissheit geprägt, die vor allem junge Menschen trifft, die gerade erst beginnen, ihr Leben und ihren Beruf zu planen. Was bedeutet der Wandel für Schulabgänger, die heute eine Ausbildung oder ein Studium beginnen? Wie verändern sich Studiengänge, welches Studium hat Sinn? Wie sammeln Berufseinsteiger Erfahrung, wenn klassische Einstiegsaufgaben von KI übernommen werden und dadurch der Weg in den ersten Job steinig wird? Und was passiert mit denen, die bisher gar keine Berührungspunkte mit KI hatten?
Überforderung, die sich im Alltag beobachten lässt, spiegelt sich in Studien und Umfragen wider. Ein paar Beispiele:
- Nach der Konstanzer KI-Studie 2025 kann rund ein Drittel der Beschäftigten nicht einschätzen, welche Folgen KI für die eigene Arbeit haben wird.
- 59 Prozent der Menschen, die KI bisher nicht genutzt haben, fühlen sich durch KI abgehängt, 57 Prozent überfordert. (Bitkom)
- Das Policy Paper „Bildung und KI“ kommt zu dem Schluss, dass Deutschland keine KI-Bildungsstrategie hat, die auf die Chancen und Herausforderungen durch KI abgestimmt ist. (Friedrich Naumann Stiftung)
- 55 Prozent der befragten US-Studierenden erwarten, dass sich KI negativ auf ihre Berufsaussichten auswirken wird. Nur 10 Prozent sagten, ihre Hochschule gehe mit dem KI-Wandel sehr gut und proaktiv um (Inside Higher Ed, US-Fachmedium für Hochschul- und Bildungsthemen)
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Blick nach China, die Nation der „Techno-Optimisten“. Selbst dort dokumentieren Studien eine ‚AI Anxiety‘, das heißt, Sorgen und Ängste im Zusammenhang mit KI, darunter die Befürchtung, im Job an Bedeutung zu verlieren oder durch neue Technologien verdrängt zu werden. Der Trend ist so offensichtlich, dass die chinesische Regierung jetzt auf mögliche durch KI ausgelöste Arbeitsmarktrisiken reagiert. Sie will unter anderem ein System zur Bewertung der Beschäftigungseffekte von KI aufbauen, die berufliche Weiterbildung ausweiten und Innovation stärker auf Anwendungen lenken, die neue Beschäftigung schaffen oder bestehende Arbeit ergänzen.
Aus der Psychologie kennt man ein grundlegendes Prinzip: Vermeidung kann Ängste verstärken. Setzt man sich dagegen mit dem auseinander, was verunsichert, gewinnt man Orientierung und kommt ins Handeln. Wer Deutschland zur KI-Nation machen will, muss deshalb nicht nur die Technologie voranbringen, sondern auch die Menschen auf ihrem Weg der Anpassung mitnehmen.
Wer das allerdings tut, wird sicher als Blockierer, Bürokrat oder Bedenkenträger verunglimpft werden?!?
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