Geothermie: Wärme aus der Tiefe gewinnt an Bedeutung

In Deutschlands Wärmeversorgung spielt tiefe Geothermie, das sind Bohrungen von mehr als 400 Metern Tiefe, noch eine kleine Rolle. Doch die Zahl der Projekte wächst. Positive Beispiele in München und Pullach zeigen, dass Erdwärme aus mehreren Kilometer Tiefen ganze Stadtteile und Gemeinden zuverlässig versorgen kann.
In Pullach im Isartal kommt ein großer Teil der Wärme aus mehr als drei Kilometern Tiefe. Seit 2005 versorgt die kommunale Innovative Energie für Pullach (IEP) Gebäude mit Erdwärme. Inzwischen deckt die Tiefengeothermie rund 70 Prozent des Wärmebedarfs der Gemeinde. Pullach ist ein Beispiel dafür, dass tiefe Geothermie erfolgreich und über einen längeren Zeitraum funktionieren kann.
Wärme aus mehreren Kilometern Tiefe
Fachlich spricht man von tiefer Geothermie bereits ab Bohrungstiefen von mehr als 400 Metern. Laut dem Bundesverband Geothermie ist im engeren Sinne aber von tiefer Geothermie erst ab rund 1.000 Metern Bohrung sowie Temperaturen von mehr als 60 Grad Celsius die Rede. Denn in der Praxis reichen Projekte zur Fernwärmeversorgung oft mehrere Kilometer in den Untergrund. Bei der oberflächennahen Geothermie wird dagegen Wärme aus geringeren Tiefen meist mithilfe von Wärmepumpen für einzelne Gebäude oder Quartiere erschlossen. Tiefe Geothermie eignet sich deshalb vor allem für Fernwärmenetze und bestimmte industrielle Wärmeprozesse. Sind die Temperaturen ausreichend hoch, lässt sich sogar Strom erzeugen.
Ein großer Vorteil der Technologie: Anders als Wind- und Solarenergie steht die Wärme der Erde unabhängig von Tageszeit und Wetterbedingungen zur Verfügung. Es gibt allerdings Gründe, warum sie bislang in der Nische verbleibt: Tiefbohrungen sind teuer, Planung und Genehmigungsverfahren aufwendig – und vor einer Bohrung ist selbst dann noch nicht völlig sicher, ob Thermalwasser mit ausreichender Temperatur und in ausreichender Menge gefördert werden kann. Dieses sogenannte „Fündigkeitsrisiko“ ist ein entscheidendes Investitionshemmnis.
Pullach: 20 Jahre Wärme aus der Tiefe
Pullach ist inzwischen ein interessantes Langzeitbeispiel, da die Anlage die Kunden nach Angaben des Versorgers seit 20 Jahren unterbrechungsfrei mit Fernwärme versorgt. Sie verfügt heute über rund 16 Megawatt geothermische Wärmeleistung und erzeugt laut dem Bundesverband Geothermie rund 84 Gigawattstunden Wärme pro Jahr. Allerdings bedeutet das nicht, dass die bayrische Gemeinde schon ohne andere Wärmequellen auskommt. Doch die Erdwärmeversorgung soll weiter ausgebaut werden. Beim Projekt „Pullach Süd“ plant die IEP drei neue Bohrungen. Dann wären laut dem Betreiber 50.000 Tonnen CO₂-Einsparung jährlich zu erwarten.
München: Geothermie im großstädtischen Maßstab

Rund zehn Kilometer weiter nördlich zeigt sich, dass die Technik auch eine andere Größenordnung erreichen kann. Am Energiestandort München-Sendling betreiben die Stadtwerke München seit Mitte 2021 die nach eigenen Angaben größte Geothermieanlage Deutschlands. Sechs Bohrungen reichen zwischen 2.400 und 3.200 Meter tief. Die Anlage erreicht rund 60 Megawatt Fernwärmeleistung und kann Wärme für etwa 80.000 Menschen bereitstellen. Seit April 2026 ergänzt ein rund 57.000 Kubikmeter großer Wärmespeicher den Standort. Er soll Wärmeerzeugung und -verbrauch besser aufeinander abstimmen und den gesamten Anlagenpark flexibler machen. München ist damit ein wichtiger Praxistest: Tiefengeothermie funktioniert nicht nur in einer kleineren Kommune, sondern kann auch Bestandteil der Wärmeversorgung einer Millionenstadt sein.
Viele Projekte – aber noch kein Massenmarkt
Deutschlandweit bleibt die Technologie dennoch vergleichsweise klein. Dem Geothermieverband zufolge waren im Juni 2026 45 Tiefengeothermieanlagen in Betrieb, 43 davon liefern Wärme. Deutlich größer ist die Zahl der Projekte in der Pipeline: Aktuell verzeichnet der Branchenverband 185 geplante Vorhaben in Deutschland.
Gesetz soll Geothermie beschleunigen
Die Rahmenbedingungen verändern sich positiv. Ende 2025 trat das Geothermie-Beschleunigungsgesetz in Kraft, das Genehmigungen vereinfachen und beschleunigen soll. Zudem gibt es seit dieser Zeit auch einen KfW-Förderkredit, der erstmals auch das oben genannte Fündigkeitsrisiko absichert.
Das theoretische Potenzial ist groß. Fraunhofer- und Helmholtz-Forschungseinrichtungen schätzen, dass tiefe Geothermie langfristig mehr als 300 Terawattstunden Wärme pro Jahr bereitstellen könnte. Das ist rechnerisch mehr als ein Viertel des deutschen Wärmebedarfs. Doch die Hürden bleiben hoch. Bohrungen kosten Millionen, nicht überall sind die geologischen Voraussetzungen gleich günstig, und trotz besserer Erkundungsmethoden bleibt das Fündigkeitsrisiko bestehen. Hinzu kommt das Risiko kleiner, durch den Betrieb ausgelöster Erdbeben. Wie groß ein solches Risiko ist, hängt von den geologischen Bedingungen und dem eingesetzten Verfahren ab.
Laut Fraunhofer-IEG-Leiter Rolf Bracke braucht es für den Durchbruch das richtige Zusammenspiel von Politik und Branche: „Die Weichenstellungen, um die Geothermie von der Manufaktur zum Massenprodukt zu führen, müssen Politik und Branche gleichermaßen vornehmen.“ Als wichtige Bausteine nennt der Institutsleiter mehr Fachkräfte und stärker standardisierte Technologien.
Die Akzeptanz vor Ort kann zu einer weiteren Herausforderung für Politik und Branche werden. Im Oberrheingraben haben sich zum Beispiel Bürgerinitiativen gegen einzelne Geothermieprojekte gebildet. Befürchtet werden unter anderem ausgelöste Erdbeben und mögliche Gebäudeschäden. Wie unterschiedlich die Stimmung regional ist, zeigt jedoch der Vergleich mit dem Großraum München: Dort gibt es bislang deutlich weniger Akzeptanzprobleme.
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