„Minijobs ersetzen sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht, sie stützen sie“

Minijobs abschaffen oder verteuern? Aus Sicht vieler Betriebe quer durch die Branchen wäre beides der falsche Weg. Stellvertretend für das Gastgewerbe ist auch DEHOGA-Hauptgeschäftsführerin Jana Schimke dieser Ansicht. Im Interview mit AGEV erklärt sie, warum gerade kleine Betriebe auf flexible Beschäftigung angewiesen sind – und weshalb höhere Abgaben am Ende Jobs und Angebote gefährden könnten.
AGEV: Warum wäre das Ende des Minijobs in seiner heutigen Form aus Ihrer Sicht ein Fehler?
Jana Schimke: Minijobs sind für das Gastgewerbe unverzichtbar. Jeder zweite Beschäftigte in Gastronomie und Hotellerie arbeitet auf Minijob-Basis. Gerade unsere Branche ist darauf angewiesen, Nachfragespitzen am Abend, an Wochenenden, bei Veranstaltungen oder in der Saison flexibel abdecken zu können. Dafür sind Minijobs ein passgenaues Instrument. Gleichzeitig entsprechen Minijobs den Bedürfnissen vieler Beschäftigter, die ganz bewusst nur in begrenztem Umfang arbeiten wollen oder können – etwa Schüler, Studenten, Rentner oder Menschen, die sich neben ihrer Haupttätigkeit etwas hinzuverdienen möchten.
AGEV: Welche Vorteile des Minijob-Modells überwiegen die Nachteile – und warum sollte die Wahlfreiheit erhalten bleiben?
Jana Schimke: Der große Vorteil des Minijobs liegt in seiner Flexibilität und Einfachheit – für Unternehmen ebenso wie für Beschäftigte. Diese Wahlfreiheit muss erhalten bleiben. Unsere Betriebe müssen die stark schwankende Nachfrage bewältigen – am Abend, an Wochenenden, bei Veranstaltungen oder im Saisongeschäft. Dafür brauchen sie flexible Beschäftigungsmöglichkeiten. Für uns gilt deshalb: Minijobs sind kein Problem, sondern Teil der Lösung für einen flexibleren Arbeitsmarkt. Deutschland braucht Anreize für Beschäftigung und mehr Netto vom Brutto.
AGEV: Welche Reformen wären sinnvoll, ohne den Minijob als Beschäftigungsmodell abzuschaffen?
Jana Schimke: Beschäftigung in Deutschland darf nicht noch teurer werden. Schon heute zahlen Arbeitgeber Pauschalabgaben bei Minijobs von 31,17 Prozent des Bruttolohns. Die angekündigte Erhöhung der Pauschalsteuer von zwei auf fünf Prozent und die beschlossenen höheren Beiträge zur Krankenversicherung („GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz“) treiben die Kosten deutlich nach oben. Der Krankenversicherungsbeitrag steigt von 13 auf 14,6 Prozent. Neu kommt künftig der durchschnittliche Zusatzbeitrag von rund 2,9 Prozent bei Minijobs hinzu. Und es stehen weitere Belastungen im Raum: Durch die geplante Reform der Pflegeversicherung könnten die Arbeitgeberabgaben insgesamt auf 42,27 Prozent des Bruttolohns steigen – ein Plus von 35,6 Prozent beziehungsweise rund 67 Euro zusätzliche Arbeitgeberkosten pro Minijobber. Das ist fatal für unsere ohnehin in der Krise steckende Wirtschaft. Reformen sollten darauf ausgerichtet sein, Beschäftigung attraktiver und wirtschaftlich tragfähig zu machen. Notwendig sind geringere Lohnnebenkosten, weniger Bürokratie und mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt. Wer sich politisch zum Minijob bekennt, muss ihn auch bezahlbar halten.
AGEV: Warum sollte der Staat die Wahlfreiheit beim Minijob erhalten?
Jana Schimke: Wer glaubt, aus Minijobs würden automatisch sozialversicherungspflichtige Stellen, irrt. Eine Umwandlung ist wegen des oft geringen zeitlichen Umfangs und der besonderen Einsatzzeiten vielfach gar nicht möglich. Minijobs ersetzen sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht, sie stützen sie. Die gravierenden Folgen einer weiteren Verteuerung der Minijobs wären weniger Beschäftigung, eingeschränkte Öffnungszeiten und weniger Angebotsvielfalt. Gleichzeitig wächst das Risiko, dass reguläre Beschäftigung in die Schwarzarbeit gedrängt wird. Am Ende verlieren alle: Beschäftigte, Betriebe und der Staat. Das kann politisch nicht gewollt sein.
AGEV: Befürchten Sie, dass kleine Unternehmen durch die Reform an Flexibilität verlieren würden?
Jana Schimke: Ja, und zwar erheblich. Die Personalkosten sind schon heute der mit Abstand größte Kostentreiber im Gastgewerbe. Besonders kleine und mittelständische Betriebe verfügen kaum über finanzielle Spielräume, um zusätzliche Personalkosten aufzufangen. Gleichzeitig sind gerade sie auf Minijobs angewiesen, um kurzfristige Nachfragespitzen, Wochenenden, Veranstaltungen und saisonale Schwankungen abzudecken.
Über Jana Schimke
Seit Januar 2026 steht Jana Schimke als Hauptgeschäftsführerin an der Spitze des DEHOGA Bundesverbandes. Die Diplom-Politikwissenschaftlerin begann ihre Laufbahn im parlamentarischen Umfeld und arbeitete mehrere Jahre für verschiedene Bundestagsabgeordnete. Anschließend war sie bei Haus & Grund Deutschland für die Themen Stadtentwicklung und Wohnungsmarkt verantwortlich. Danach wechselte sie zur Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in die Abteilung Arbeitsmarktpolitik, bevor sie selbst in die aktive Politik ging. Von 2013 bis 2025 gehörte sie für die CDU dem Deutschen Bundestag an. Jana Schimke ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT).
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